Psychotrauma – Was kostet der Frieden nach einem Krieg?
Wiederaufbau und psychische Folgekosten
Es gibt verlässliche offizielle Verfahren und Schätzungen zu den Kosten nach einem Krieg. Eine vollständige Gesamtrechnung existiert jedoch praktisch nie. Insbesondere psychische, soziale, gesundheitliche und intergenerationelle Folgen werden häufig nur teilweise erfasst.
1. Was offizielle Wiederaufbauschätzungen erfassen
Weltbank, UNO und EU verwenden sogenannte Rapid Damage and Needs Assessments. Dabei werden drei Grössen unterschieden:
| Kategorie | Inhalt |
|---|---|
| Direkte Schäden | Zerstörte Gebäude, Wohnungen, Strassen, Energieanlagen, Schulen, Spitäler und Produktionsmittel |
| Wirtschaftliche Verluste | Produktionsausfälle, entgangene Einkommen und Steuern, Versorgungsunterbrüche und zusätzliche Betriebskosten |
| Wiederaufbau- und Erholungsbedarf | Kosten für Wiederherstellung, Modernisierung und widerstandsfähigeren Wiederaufbau |
Aktuelle Beispiele:
| Konflikt | Direkte Schäden | Wiederaufbau und Erholung |
|---|---|---|
| Ukraine, Stand Ende 2025 | über 195 Mrd. USD | knapp 588 Mrd. USD über zehn Jahre |
| Gaza, Stand Oktober 2024 | rund 30 Mrd. USD | rund 53 Mrd. USD |
| Syrien 2011–2024 | rund 108 Mrd. USD | beste Schätzung 216 Mrd. USD; Bandbreite 140–345 Mrd. USD |
Allein die budgetierbaren Wiederaufbaukosten können damit ungefähr das Zwei- bis Dreifache der direkten Sachschäden erreichen. Das ist aber keine allgemeingültige Formel. Dauer, Zerstörungsgrad, Preisentwicklung, Sicherheitslage und Qualitätsstandard des Wiederaufbaus beeinflussen das Ergebnis erheblich.
Quellen: Ukraine RDNA5, Gaza IRDNA, Weltbank zu Syrien.
2. Die tatsächlichen Friedensfolgekosten sind umfassender
Eine vollständige Rechnung müsste mindestens sieben Bereiche berücksichtigen:
- Wiederaufbau von Infrastruktur und Wirtschaft
- Umweltsanierung, Minenräumung und Trümmerbeseitigung
- Akutmedizin, Rehabilitation und lebenslange Versorgung Versehrter
- Psychische Erkrankungen und psychosoziale Belastungen
- Trauer, Suizide und Belastungen der Angehörigen
- Bildungs-, Erwerbs- und intergenerationelle Folgen
- Wiederherstellung von Staatlichkeit, Sicherheit und gesellschaftlichem Vertrauen
Hinzu kommt die nicht realisierte Entwicklung: also der wirtschaftliche und soziale Fortschritt, den ein Land ohne den Krieg wahrscheinlich erreicht hätte.
3. Psychische Erkrankungen in Konfliktgebieten
Die wichtigste internationale Referenz ist eine WHO-finanzierte Metaanalyse von Charlson et al. Sie untersuchte Bevölkerungen in Gebieten, die innerhalb der vorausgegangenen zehn Jahre von einem Konflikt betroffen waren.
Die modellierte Punktprävalenz betrug:
| Schweregrad | Anteil | 95-%-Unsicherheitsintervall |
|---|---|---|
| Leichte Depression, Angst oder PTBS | 13,0 % | 10,3–16,2 % |
| Mittelgradige Erkrankung | 4,0 % | 2,9–5,5 % |
| Schwere Erkrankung | 5,1 % | 4,0–6,5 % |
| Mindestens eine untersuchte Erkrankung | 22,1 % | 18,8–25,7 % |
Für einzelne, sich überlappende Erkrankungen wurden geschätzt:
- Depression: 10,8 %
- PTBS: 15,3 %
- Angststörungen einschliesslich PTBS: 21,7 %
Diese Werte dürfen nicht addiert werden, da viele Menschen mehrere Diagnosen gleichzeitig aufweisen.
Wichtig ist auch: Die Zahlen bedeuten nicht, dass 22 % der Menschen allein aufgrund des Krieges neu erkranken. Sie beschreiben die gesamte Erkrankungshäufigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt in konfliktbetroffenen Bevölkerungen. Darin sind vorbestehende und auch unabhängig vom Krieg auftretende Erkrankungen enthalten.
Quelle: Charlson et al., Originalstudie, WHO: Mental health in emergencies.
Veranschaulichung pro einer Million Menschen
Statistisch wären zu einem bestimmten Zeitpunkt ungefähr zu erwarten:
- 221’000 Menschen mit mindestens einer der untersuchten Erkrankungen
- davon 130’000 mit leichter Ausprägung
- 40’000 mit mittelgradiger Ausprägung
- 51’000 mit schwerer Erkrankung
Separat und überlappend wären ungefähr 153’000 Menschen von PTBS und 108’000 von Depression betroffen. Das sind Modellwerte, keine individuellen Prognosen.
4. Beispiel Ukraine
Die WHO übertrug die internationalen Prävalenzwerte auf die ukrainische Bevölkerung und schätzte:
- etwa 9,6 Millionen Menschen mit einer psychischen Erkrankung
- darunter etwa 3,9 Millionen mit mittelgradigen oder schweren Erkrankungen
Das ist eine offizielle Modellrechnung, aber keine klinische Untersuchung von 9,6 Millionen diagnostizierten Personen. WHO Europa.
Andere ukrainische Befragungswerte zu psychischen Beschwerden belegen einen hohen Versorgungsbedarf, dürfen aber nicht mit klinischen Diagnosen gleichgesetzt werden.
5. Direkte Kosten psychischer Kriegsfolgen
Direkte medizinische Kosten umfassen:
- psychologische und psychiatrische Diagnostik
- ambulante Psychotherapie
- psychiatrische und notfallmedizinische Behandlung
- Medikamente
- stationäre Aufenthalte
- Behandlung von Selbstverletzungen und Suizidversuchen
- Behandlung von Suchterkrankungen und körperlichen Begleiterkrankungen
- Rehabilitation und gemeindepsychiatrische Langzeitbetreuung
Direkte nichtmedizinische Kosten entstehen durch:
- Sozialarbeit und Familienhilfe
- schulpsychologische und psychosoziale Angebote
- betreutes Wohnen und Tagesstrukturen
- Dolmetsch- und kulturspezifische Angebote
- Transport und Zugangshilfen
- Ausbildung zusätzlicher Fachpersonen
- Aufbau von ambulanten und gemeindenahen Versorgungssystemen
6. Indirekte Kosten
Die indirekten Kosten können die eigentlichen Behandlungskosten übersteigen:
- Arbeitsunfähigkeit und Fehlzeiten
- reduzierte Produktivität trotz Anwesenheit
- Arbeitslosigkeit und Erwerbsunfähigkeit
- vorzeitige Pensionierung
- Einkommens- und Steuerausfälle
- Invaliditäts- und Sozialleistungen
- unbezahlte Betreuung durch Angehörige
- eingeschränkte Bildungs- und Erwerbsbiografien
- vorzeitige Todesfälle
Die Weltbank verweist auf allgemeine Studien, die psychischen Erkrankungen Kosten von etwa 2,3 bis 4,4 % des BIP zuordnen. In der globalen Modellschätzung entfielen ungefähr zwei Drittel auf indirekte Kosten. Diese Werte stammen jedoch nicht aus Kriegsgebieten und können nicht direkt auf einen bestimmten Konflikt übertragen werden. Sie zeigen lediglich die mögliche volkswirtschaftliche Grössenordnung. Weltbank: Mental Health Among Displaced People and Refugees.
WHO und ILO schätzen weltweit:
- zwölf Milliarden verlorene Arbeitstage jährlich durch Depression und Angst
- rund eine Billion USD Produktivitätsverlust pro Jahr
Auch dies sind keine Kriegskosten, sondern ein Beleg für die wirtschaftliche Bedeutung psychischer Erkrankungen. WHO: Mental health at work.
7. Trauer und anhaltende Trauerstörung
Normale Trauer ist keine Krankheit. Krieg schafft jedoch besonders belastende Bedingungen:
- gewaltsame und plötzliche Todesfälle
- Mehrfachverluste
- vermisste Personen ohne Todesbestätigung
- fehlende Möglichkeit zum Abschied
- keine Bestattung oder keine Trauerrituale
- fortdauernde Bedrohung
- gleichzeitiger Verlust von Wohnung, Heimat und sozialer Stellung
In einer repräsentativen Untersuchung von Geflüchteten berichteten 38,1 % den Tod einer nahestehenden Person. Von den Trauernden erfüllten 15,8 % wahrscheinlich die Kriterien einer anhaltenden Trauerstörung; bezogen auf die gesamte Stichprobe waren es 6 %. Diese Werte gelten für die untersuchte Flüchtlingsgruppe und sind nicht weltweit verallgemeinerbar. Studie zu anhaltender Trauer bei Geflüchteten.
Andere Untersuchungen berichten sehr unterschiedliche Raten. Eine allgemeine Aussage, ein bestimmter Anteil aller Kriegsbetroffenen entwickle eine Trauerstörung, wäre daher nicht wissenschaftlich haltbar.
Mögliche Kosten entstehen durch:
- psychotherapeutische und psychiatrische Behandlung
- Arbeits- und Funktionsausfälle
- depressive oder körperliche Begleiterkrankungen
- erhöhte Suizidalität
- Belastung von Kindern und Angehörigen
- Verlust familiärer Betreuungs- und Erwerbsfunktionen
8. Suizide und Selbstverletzungen
Es gibt keine belastbare globale Formel für die Veränderung der Suizidrate durch Krieg. Das Risiko hängt unter anderem ab von:
- Depression, PTBS und Substanzkonsum
- körperlicher Versehrtheit und chronischen Schmerzen
- Verlusten und sozialer Isolation
- Arbeitslosigkeit und Verschuldung
- Verfügbarkeit von Waffen
- Qualität der psychiatrischen Versorgung
- gesellschaftlicher Integration von Veteranen und Geflüchteten
- Kriegsphase und Nachkriegssituation
Suizidraten können während einer akuten kollektiven Bedrohung zeitweise stabil bleiben oder sinken und erst später ansteigen. Gleichzeitig sind Todesursachenstatistiken in Kriegsgebieten oft unvollständig.
Ein UNHCR-Bericht nennt für eine einzelne untersuchte Flüchtlingspopulation Suizidgedanken bei 27,3 % gegenüber 17,3 % in einer Vergleichsgruppe. Dies ist kein weltweit gültiger Flüchtlingswert.
Zu den Kosten von Suiziden und Suizidversuchen gehören:
- Rettungsdienst und Notfallmedizin
- Intensivmedizin und Rehabilitation
- psychiatrische Behandlung
- langfristige körperliche Folgeschäden
- Produktivitäts- und Einkommensverluste
- psychische Belastung der Hinterbliebenen
- verlorene Lebensjahre und Lebensqualität
Die US-Gesundheitsbehörde CDC schätzt die jährlichen gesellschaftlichen Kosten in den USA auf über 500 Milliarden USD. Der grösste Anteil besteht jedoch aus dem monetär bewerteten Verlust von Lebensjahren und Lebensqualität, nicht aus unmittelbaren Gesundheitsausgaben. Diese Zahl ist deshalb nicht auf andere Länder oder Kriege übertragbar. CDC: About Suicide Prevention.
9. Kinder und intergenerationelle Folgen
Bei Kindern können Kriege langfristig beeinträchtigen:
- emotionale und kognitive Entwicklung
- Bindung und familiäre Sicherheit
- Konzentration und Lernfähigkeit
- Schulbesuch und Bildungsabschlüsse
- soziale Integration
- spätere Erwerbsfähigkeit und Einkommen
- körperliche und psychische Gesundheit
Psychisch schwer belastete Eltern können ihre Schutz-, Erziehungs- und Erwerbsfunktionen zeitweise nur eingeschränkt wahrnehmen. Dadurch können sich psychische Belastung, Armut, Bildungsnachteile und familiäre Instabilität gegenseitig verstärken.
Die Wirkungszusammenhänge sind gut belegt. Eine einheitliche monetäre Berechnung der intergenerationellen Folgen gibt es jedoch nicht.
10. Körperlich Versehrte und deren psychische Belastung
Bei Kriegsversehrten verbinden sich körperliche und psychische Folgekosten:
- Operationen und Akutbehandlung
- Prothesen und regelmässige Ersatzversorgung
- Physiotherapie und Rehabilitation
- Pflege und Wohnraumanpassungen
- chronische Schmerzen
- Invaliditätsleistungen
- PTBS, Depression und Anpassungsstörungen
- berufliche Wiedereingliederung
- Unterstützung von Angehörigen
Diese Kosten können über Jahrzehnte anfallen. Eine Trennung in «körperliche» und «psychische» Kosten ist deshalb oft künstlich.
11. Umweltschäden
Umweltfolgen umfassen:
- kontaminierte Böden und Gewässer
- Treibstoff-, Öl- und Chemikalienbelastungen
- zerstörte Klär- und Wasserversorgungsanlagen
- beschädigte Industrieanlagen
- Minen und nicht explodierte Munition
- kontaminierten Bauschutt
- Wald- und Ökosystemschäden
- zusätzliche Treibhausgasemissionen
In der Ukraine werden allein die Beseitigung explosiver Gefahren und die Trümmerbeseitigung auf knapp 28 Milliarden USD geschätzt. Die gesamten Umweltschäden sind damit noch nicht vollständig abgedeckt.
12. Gesellschaftliche Friedens- und Wiederherstellungskosten
Eine stabile Friedenssituation benötigt mehr als Gebäude und Strassen:
- Wiederaufbau von Verwaltung und Justiz
- Polizei- und Sicherheitsreformen
- Entwaffnung und Demobilisierung
- Integration ehemaliger Kämpfer
- Rückkehr und Integration Geflüchteter
- Wiedergutmachung und Opferhilfe
- Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen
- Wiederherstellung gesellschaftlichen Vertrauens
- Versöhnungs- und Dialogprozesse
- Prävention erneuter Gewalt
Diese Bereiche sind schwer zu monetarisieren, für einen nachhaltigen Frieden aber zentral.
13. Gesamtmodell
Eine umfassende Rechnung müsste folgendermassen aufgebaut sein:
[
\begin{aligned}
\text{Gesamte Kriegsfolgekosten} =;&
\text{Sachschäden}
- \text{Wiederaufbau}\
&+ \text{wirtschaftliche Verluste} - \text{Umweltsanierung}\
&+ \text{körperliche und psychische Gesundheitskosten}\
&+ \text{Sozial- und Angehörigenkosten}\
&+ \text{Mortalitäts- und Lebensqualitätsverluste}\
&+ \text{Bildungs- und Generationenfolgen}\
&+ \text{Kosten der Friedenskonsolidierung}\
&+ \text{entgangene Entwicklung}
\end{aligned}
]
Dabei müssen drei unterschiedliche Grössen auseinandergehalten werden:
- tatsächliche Ausgaben
- volkswirtschaftliche Einkommens- und Produktivitätsverluste
- monetär bewertete Wohlfahrtsverluste wie verlorene Lebensjahre und Lebensqualität
Werden diese Ebenen vermischt, entstehen eindrucksvolle, aber irreführende Gesamtsummen.
Gesamtbeurteilung
Offizielle Wiederaufbauschätzungen von Weltbank, UNO und EU sind methodisch ernst zu nehmen. Sie quantifizieren vor allem Sachschäden, wirtschaftliche Verluste und konkret planbare Wiederherstellungsmassnahmen.
Sie beantworten jedoch nicht vollständig die weitergehende Frage:
Was kostet es, nach einem Krieg wieder eine gesundheitlich, sozial, wirtschaftlich und politisch tragfähige Friedensgesellschaft herzustellen?
Psychische Erkrankungen betreffen in Konfliktgebieten zu einem bestimmten Zeitpunkt schätzungsweise rund 22 % der Bevölkerung, etwa 9 % davon mittelgradig oder schwer. Ihre Kosten entstehen überwiegend nicht nur im Gesundheitswesen, sondern auch durch eingeschränkte Erwerbsfähigkeit, soziale Leistungen, Angehörigenbelastung, Suizide, Trauer, Bildungsabbrüche und langfristige Entwicklungsverluste.
Deshalb sind offizielle Wiederaufbaubudgets am ehesten als belastbare, aber unvollständige Untergrenze zu verstehen. Die gesamten gesellschaftlichen Kosten können wesentlich höher sein und sich über Jahrzehnte oder Generationen erstrecken.
Erstellt mit KI-Recherche, August 2026




