Wenn die Leidenschaft zur Sehnsucht verkommt

Das Leben als Paar ist nicht nur durch Höhenflüge geprägt. Es kann sogar absolut vorteilhaft sein, die Befriedigung der Leidenschaft auf ein Minimum zu reduzieren. So bleibt mehr Zeit und Energie für Tüchtigkeit und Leistung in den die Existenz sichernden Lebensbereichen.

Doch in Partnerschaft und Familienbeziehungen suchen wir darüber hinaus Nähe und Zuneigung. Wir wollen uns in guten und in schlechten Tagen getragen und verstanden wissen.

Gemeinsames Wachsen und Kontinuität ist das Ziel das Paare suchen und sich für ihren gemeinsamen Lebensweg versprechen. Ewiges Glück und Vertrauen bis dass der Tod euch scheidet. Irgendwann, wenn die Realität anklopft und verstehen gibt, dass vieles mehr von Anpassung, existenziellen Erfordernissen, als von Freude, Leidenschaft und Erotik geprägt ist, fängt das Suchen an.

 

Vom Ich über das Du zum Wir

Ich erlebe Paare oft in diesen Phasen der gemeinsamen Sinnsuche, der Zweifel und Sehnsucht jedes einzelnen mit den Worten: „Wir haben uns gern, wir bewältigen die anstehenden Aufgaben gut und können uns aufeinander verlassen. Doch irgendetwas fehlt oder ist auf der Strecke geblieben. Wir möchten wieder zueinander finden.“ Der Paartherapeut liefert vorerst wohl kaum die erwartete Lösung, doch einen Raum in dem ausgetauscht werden kann und Ideen für die nächsten Schritte entwickelt werden können.

Die entscheidende Frage stellt sich meist im Bereich der Abwägung der eigenen Interessen und derjenigen des Anderen. Martin Luther King soll gesagt haben: Jeder muss sich entscheiden, ob er im Licht der Nächstenliebe oder im Dunkel der Eigensucht leben will.

Das volle Bekenntnis seinem Partner gegenüber ist so gesehen eine eigentlich selbstverständliche, alltägliche und trotzdem anspruchsvolle Aufgabe. Die Tatsache, dass damit auch persönliche Einschränkungen gefordert sind, macht nicht selten hilflos und einsam. Gleichzeitig setzen nicht wenig moralische Ansprüche und Regeln Grenzen für die Leidenschaft.

Glück heisst insofern nicht die permanente und ewige Befriedigung aller Wünsche und Begehrlichkeiten, sondern das bewusste Öffnen von kleinen Momenten für unsere Leidenschaft und Liebe.

 

Erschienen in ‚Kolumne Ratgeber‘ Südostschweiz 2015

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